Erfahrungen mit dem FinTech number26

Erfahrungen mit dem FinTech number26

Sie sind derzeit überall in den Medien anzutreffen. Und nicht nur in Fachmedien. Manche werden sogar im TV präsentiert und als Finanzrevolution gepriesen.

Die Rede ist von den sogenannten FinTechs. Und damit es noch spannender klingt und neugierig macht, hängt man an das Modewort noch Start-Up dazu und die PR-Strategie kann beginnen.

Das FinTech Start-up number26 startete Anfang 2015 mit seinem Angebot und durfte sich über breite Berichterstattung in den Medien freuen. Das Angebot betrifft ein kostenloses Girokonto mit ebenfalls kostenloser Kreditkarte (Mastercard). Dazu bezeichnet man sich selbst als das modernste Girokonto, das per App bedient werden kann. Die Kontoeröffnung soll binnen 8 Minuten erledigt sein und ohne banktypischer, aber gesetzlich vorgeschriebener Bürokratie sowie Formularen einfach online per Videoauthentifizierung möglich sein.

Diese Ansage muss getestet werden. Ein Gratis Girokonto mit Gratis Kreditkarte ist in Österreich eigentlich nichts neues, da es bereits mehrere Anbieter (easybank, ING-Diba, BawagPSK) mit einem derartigen Angebot gibt. Dazu muss auch gesagt werden, dass es sich bei number26 um keine Bank handelt, sondern nur um einen Dienstleister, der sich den Bankdienstleistungen der Wirecard Bank AG bedient. Somit unterliegen die Konto-Guthaben auch der deutschen Einlagensicherung.

Der Testbericht – meine Erfahrung mit number26

Nachdem ich zur Eröffnung eines Kontos meine Emailadresse eingegeben habe, Email bestätigt habe  und die Registrierungs-Prozedur abgeschlossen habe, wartete ich auf die Email-Bestätigung von number26. Dieses Prozedere war tatsächlich sehr einfach und optisch perfekt gelöst. Wobei ich den Weg über die Desktop-Oberfläche und nicht über die App wählte.

Für die Verifizierung der Identität gibt es ein Video-Verfahren. Dazu wird, über ein gesondertes Email, eingeladen. Ein Klick und eine Online-Sitzung wird gestartet. Davor wird auch noch freundlich darauf hingewiesen, dass der Reisepass griffbereit sein soll und die Webcam selbstverständlich eingeschaltet sein muss. Gespannt blicke ich auf die Uhr und ehe eine Verbindung aufgebaut wurde, flog ich auch schon wieder aus der Verbindung. Noch einmal probiert, gleiches Ergebnis. Okay, kein Problem, ein paar Minuten gewartet und erneuter Versuch eines Verbindungsaufbaus. Und siehe da ein neues Fenster öffnete sich mit dem Hinweis, dass drei Kunden vor mir noch bearbeitet werden und ich mich noch ein wenig gedulden solle. Gespannt sitzt man vor dem Bildschirm und beobachtet die Anzeige, die die Reihung zeigt. Nur noch 1, nein niemand mehr vor mir, bald geht es los und … Verbindung wurde getrennt. Das ist jetzt aber ärgerlich, so kurz vor dem Ziel. Aber ich gebe nicht auf und klicke gleich nochmals auf den Link, der mir per Email geschickt wurde. Noch bewege ich mich innerhalb der versprochenen acht Minuten, die für die Kontoeröffnung angepeilt sind.

Okay, jetzt sind wieder sieben andere Kunden vor mir gereiht, aber die Zahl wird schnell geringer. Anscheinend geht die Identifizierung, wenn man mal dran ist, recht schnell. Dachte ich mir und hol mir noch schnell meinen Kaffee aus der Küche. Jetzt war der große Moment gekommen. Ein Übertragungsfenster öffnete sich und eine junge Dame mit Hautmalereien und ein wenig Metall im Gesicht begrüßte mich. Nachdem ich meinen Namen und Geburtsdatum mitgeteilt habe, sollte ich meinen Ausweis in die Webcam halten. „Nein, Ihre Webcam hat eine zu geringe Auflösung, so geht das nicht“ musste ich vernehmen und die sichtlich gestresste junge Dame warf mich, nach einem kurzen Tschüüss, auch schon wieder aus der Leitung.

Vorerst war ich, von der schnellen Abfertigung, nun ein wenig verdutzt, aber zeitgleich erweckte es in mir den Ehrgeiz meine alte Webcam zu suchen, die doch über eine höhere Auflösung verfügte als die vorinstallierte Kamera auf dem Bildschirm. Während der Suche und der darauffolgenden Installation auf meinem Desktop-PC kam mir die Frage, wie viele Interessenten eigentlich an den technischen Hürden scheitern.

Für wem ist number26 geeignet?

160.000 Kunden konnten bereits seit Start für das Angebot des kostenlosen Girokontos mit Gratis-Kreditkarte gewonnen werden. Hierbei handelt es sich sicherlich um mehrheitlich junge Leute, die technikaffin sind und hauptsächlich über ihr Smartphone Online-Banking betreiben möchten.

Die Odyssee geht weiter

Zurück zu meiner Erfahrung. Die neue Webcam mit über 1 Mio. Pixel ist installiert und diesmal sind nur sechs Mitstreiter vor mir gereiht. Ein anderer Mitarbeiter, die gleiche Prozedur und beim Herzeigen meines Reisepasses … „ich kann leider die Ausweisnummer nicht lesen. Können Sie sich bitte mit der App anmelden.“ Und wieder flog ich raus! Nun etwas entnervt, nahm ich widerwillig mein Samsung Xcover2 Smartphone zur Hand. Mit riesen Zweifel, grundsätzlich will ich aus Sicherheitsbedenken keine Bankgeschäfte über das Smartphone tätigen, lade ich mir die App herunter. Ich dachte, ich verwende die App einfach nur zwecks Authentifizierung und danach lösche ich es wieder und tätige meine Bankgeschäfte über den Desktop-PC. Darauf die nächste Hiobsbotschaft „… nicht genügend Speicherplatz auf ihrem Handy!“

Gut, oder eher schlecht. Jetzt, nach mehr als 20 Minuten, die ich vergeblich bemüht war, ein kostenloses Bankkonto bei number26 zu legitimieren, gebe ich endgültig auf. Und wieder drängt sich mir die Frage auf, wie viele Kunden hätte number26 bereits, wenn diese technischen Hürden nicht bestehen würden?

Wie geht es bestehenden number26 Kunden?

In den letzten Quartalen war es ruhig um das österreichische FinTech-Startup mit Sitz in Berlin geworden. Doch in den letzten Tagen machen erstmals negative Schlagzeilen die Runde.

500 Kunden wurde nämlich überraschend das Konto gekündigt. Mit der Begründung, sie würden ihr kostenloses Girokonto ungewöhnlich nutzen. Damit ist gemeint, dass zu häufige Bankomattransaktionen getätigt werden und dadurch für number26 zu hohe Gebühren anfallen würden. Es ist natürlich legitim, dass Firmen ihre Geschäftsmodelle kalkulieren und dementsprechend preisen. Die Art, wie die ungeliebte Kundschaft aber vor die Tür gesetzt wurde, lässt an einer kundenorientierten Firmenphilosophie zweifeln. Ein netter Hinweis auf die Nutzungsregeln mit einer darauffolgenden Warnung und einer danach erfolgenden etwaigen Kündigung, hätte es genauso getan. Rüde Behandlungen sind Studenten oft gewöhnt. Aber wird man mit einer derartigen Einstellung den Kunden gegenüber, langfristig Erfolge feiern können?

Fazit: Für mich persönlich bestätigte sich dadurch mein Eindruck zum Unternehmen. Ein beinhart kalkuliertes Start-Up, wo der Kunde nur als Mittel zum Zweck gesehen wird. Menschlichkeit oder Persönlichkeit kommt dabei gar nicht mehr zur Geltung. Individualität und Flexibilität sind gänzlich unbekannte Paradigmen in den in Skalen sowie Schubladen denkenden FinTech Start-Ups der Gegenwart.

(c) Bild von LifetimeStock.com

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